CULTURESCAPES CHINA 2010

Es gibt wohl kaum ein Land, in dem Gegensätze, Entwicklungsstufen und der Umbruch zwischen unterschiedlichen Systemen derart intensiv und rasant erlebt - gelebt - werden wie in China. Entwicklungen, die im Westen Jahrhunderte dauerten, scheinen das Land der Mitte regelrecht zu überrollen: Tradition, Moderne und Postmoderne; Kapitalismus, Kommunismus und Postkommunismus; Subkultur, Kulturindustrie und Propaganda existieren nebeneinander und machen klare Grenzziehungen unmöglich. Das Land explodiert in allen Bereichen.

Das Ausmass der Bautätigkeit ist beispiellos. Der Beton- und Stahlbedarf der Welt geht zu 45% bei Beton und zu einem Drittel bei Stahl auf das Konto Chinas. Ring um Ring wird um Beijing gebaut. Shanghai ist die Stadt der Hochhäuser. Wie sonst könnten über 16 Millionen Menschen auf einer Fläche von knapp 4.000qkm untergebracht werden. China kann mehr als 100 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern aufweisen (die USA hat immerhin 13). China erobert den Raum.

So ist es nicht verwunderlich, dass bei der EXPO Shanghai die Welt nach China kommt und dort auf wenigen Quadratkilometern der Metropole Neubauten hochgezogen werden, deren Existenz nur für eine kurze Dauer ausgelegt ist. China als grösste staatliche Einheit, aber zentral organisiert sprüht vor enormer Vielfalt an Produktivität und Kreativität, im Vergleich dazu bekommt man in Europa leicht das Gefühl stillzustehen.

In den vergangenen 30 Jahren entriss China mehr als 300 Millionen Menschen der Armut - ein noch nie dagewesenes Ereignis, das jedoch auch Tücken mit sich bringt. Der rasante Wandel des Lebensstils und der Zuwachs an Industrie zeigen einmal mehr, dass der westliche Lebensstil nicht für die gesamte Menschheit möglich ist, ohne den Planeten als Lebensgrundlage für die Menschen zu vernichten. Wie wird in China damit umgegangen? Welche lokalen oder nationalen Lösungen kann es für die globalen Probleme geben?

 

CULTURESCAPES bildet eine Präsentationsfläche der kulturellen und künstlerischen „Raumergreifungen". Wir schauen auf die Geo-Poetik eines Landes, die im Falle Chinas so enorm an Zahl und Masse ist, dass eine wie auch immer gedachte „Repräsentation" nicht möglich und auch nicht angestrebt ist. Mit der Einteilung der Veranstaltungen in vier Themen - Wurzeln suchen, Neue Stimmen, Innenansichten und Über die Mauer - versuchen wir, das Konzept des Programms lesbar zu machen, den Tendenzen in der chinesischen Kulturszene in aller Breite gerecht zu werden und vielleicht den Ansatz einer Idee von China zu entwickeln. Einen gegensätzlichen Ansatz wählen die Themen ‚Suche nach den Wurzeln' und ‚Neue Stimmen' - Vergangenheit und Gegenwart sehen wir als Fundament für eine erste Annährung an. Mit ‚Innenansichten' gehen wir der jüngeren Geschichte und den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen Chinas, aber auch der Welt anhand wichtiger Projekte und Positionen nach. Im Mittelpunkt stehen die bahnbrechenden vergangenen 30 Jahre seit der Reform- und Öffnungspolitik (1978) der VR China. ‚Über die Mauer' wirft einen Blick auf die weitreichenden Kooperationen mit dem Westen, in unserem Fall natürlich vor allem mit Künstlern aus der Schweiz. Die dadurch entstehende Spannbreite des Programms umfasst die verschiedensten künstlerischen Ausdrucksformen, von traditionellen bis hin zu innovativen und experimentellen Projekten. Dank der weitreichenden Unterstützung unserer Partnerinstitutionen ist CULTURESCAPES 2010 in dieser Grösse möglich.