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‹Les Balkans n'existent pas. Erbschaften im Südosten Europas›

Ringvorlesung

1992 läutete der provokative Slogan ‹La Suisse n'existe pas› an der Weltausstellung in Sevilla eine Aufarbeitung der Schweizer Geschichte und des Schweizer (Selbst-)Bildes im öffentlichen Bewusstsein ein: Man verabschiedete sich von Helden und Mythen, um sich mit Fantasie und Weltoffenheit der Zukunft zu stellen. Das Motto der Ringvorlesung ‹Les Balkans n'existent pas› greift diesen Gedanken auf: Vertiefte Kenntnisse über den Balkan sollen dazu verhelfen, die zukunftsweisende Vielfalt und Einmaligkeit der Region jenseits von Fremd- und Eigenprojektionen ans Licht zu bringen. 

Heutige Stereotype zum Balkan sind in erster Linie vor dem Hintergrund der postjugoslawischen Kriege und der daraus entstandenen Emigration in den Westen seit den frühen 1990er-Jahren zu verstehen. Diese basieren auf Projektionen der europäischen Grossmächte aus der Zeit der ‹Orientalischen Frage› des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der Balkan-Kriege 1912/1913 und des Attentats auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo. Was ist hinter solchen Diskursen ‹real› und was regionsspezifisch? Während eurozentristische Perspektiven den verzögerten Entwicklungsstand der Region unterstreichen, behaupten komparatistische Ansätze, dass erst die spezifische historische Konstellation nach dem Ende des Kalten Kriegs zu einer gewissen Eigendynamik geführt hat. Mit unserem Motto schliessen wir uns der These an, dass sich der Balkan nicht durch anthropologische Spezifitäten auszeichnet. Vielmehr besetzt er geographisch, kulturell und historisch wichtige Bruch- und Schnittstellen, die es genauer in den Blick zu nehmen gilt.

In der Ringvorlesung kommen sowohl international renommierte HistorikerInnen zu Wort als auch ausgewiesene SpezialistInnen, die sich seit Jahren mit dieser Region beschäftigen. Dabei wird der Balkan auf sein byzantinisch-osmanisches Erbe hin beleuchtet (Barbara Schellewald, Maurus Reinkowski). Der rumänische Faschismus und der ‹Dritte Weg› Titos als Alternative zu den zwei Machtblöcken nach 1945 werden ebenso Thema sein wie das Konfliktmanagement des Westens auf dem so genannten ‹Westbalkan› (Oliver Jens Schmitt, Tanja Zimmermann, Andreas Ernst). Neben der Frage nach der Zeit in der Geschichtsschreibung und der Rolle der imperialen Machtinteressen im 19. und 20. Jahrhundert werden auch die Sprach- und Kulturverwandtschaften sowie die visuelle Geschichte der Region erörtert (Maria Todorova, Ljiljana Reinkowski, Karl Kaser). In diesem Sinne: ‹Les Balkans n'existent pas› - ausser in Form des gleichnamigen Gebirges in Bulgarien.

Organisation: Martina Baleva und Boris Previšić
Veranstalter: Kompetenzzentrum für Kulturelle Topographien der Universität Basel

 

17.09.: Martina Baleva & Boris Previšić, Universität Basel: Einführung

24.09.: Karl Kaser, Universität Graz: Visuelle Kulturen im südöstlichen Europa - Elemente dezentrierter Theoriebildung

01.10.: Barbara Schellewald, Universität Basel: Zwischen den Kulturen - Der Hof des serbischen Königs Stefan Uroš II. Milutin zwischen Byzanz und den Anjou in Italien

08.10.: Nataša Mišković, Universität Basel: Jugoslawien und die Blockfreien: Titos Husarenstück im Kalten Krieg

15.10.: Maria Todorova, University of Illinois: Der Balkan als Analysekategorie und als historisches Vermächtnis

22.10.: Tatjana Simeunović, Universität Basel: Balkan in Bewegung: Verschiedene Geschichten zur gleichen Vergangenheit

29.10.: Daniel Ursprung, Universität Zürich: Grenzen der Gemeinsamkeit: Albanien und Rumänien als Aussenseiter Südosteuropas?

05.11.: Ljiljana Reinkowski, Universität Basel: Babel Balkan: Was die Region sprachlich trennt - und verbindet

12.11.: Maurus Reinkowski, Universität Basel: ‹Unser Rumelien›. Existierte der Balkan für die Osmanen?

19.11.: Andreas Ernst, Neue Zürcher Zeitung: 20 Jahre westliches Konfliktmanagement auf dem Balkan

26.11.: Tanja Zimmermann, Universität Konstanz: «Wenn noch irgendein ‹Balkan› im früheren Sinne dieses Wortes existiert, dann bestimmt nicht hier auf dem Balkan.» Titos ‹dritter Weg›

03.12.: Nada Boškovska, Universität Zürich: Makedonien: Ein Land auf der Suche nach seiner Vergangenheit

10.12.: Samuel M. Behloul, migratio: Religion und
(De-)Konstruktion von Diaspora. Identitätsbildungsprozesse im Spannungsfeld von Religion, Ethnizität und Transstaatlichkeit am Beispiel von Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien

17.12.: Oliver Jens Schmitt, Universität Wien: Faschistische Bauernmystiker oder Sozialrevolutionäre von rechts? Die rumänische Legion Erzengel Michael als faschistische Massenbewegung