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‹Balkan?›

Ausstellung von Zdravko Delibašić, Flaka Haliti, Gjorge Jovanovik, Milena Jovićević, Adela Jušić, Alketa Ramaj, Goran Škofić und Slobodan Stošić (Artists in Residence) 

2013 lädt CULTURESCAPES acht bildende Künstlerinnen und Künstler aus Serbien, Kroatien, Maze- donien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro und Albanien zu mehrwöchigen Künstler- residenzen in die Schweiz ein. Der Projektraum ‹Basement› zeigt die Arbeiten, die im Sommer im bündnerischen Nairs und im Herbst in Basel entstanden sind, ergänzt mit bestehenden Werken. Die Ausstellung verarbeitet erste Eindrücke von den Gästen in der Schweiz und bietet uns erste Einblicke in ihre Arbeit.

Was bedeutet ‹Balkan› im Bezug auf die Arbeit einzelner KünstlerInnen? Das Fragezeichen im Titel steht für unsere Neugierde auf die hier wenig bekannte Kunstszene, stellt aber auch unsere Erwar- tungen an eine gemeinsam geprägte Identität in Frage. Der individuelle Versuch, die Folgen des Balkankonflikts zu verstehen und zu bewältigen, liegt am deutlichsten den Werken von Adela Jušić zu Grunde. Vor der Kamera färbt sie der Grossmutter die Haare, verwandelt sie sozusagen in ihr jüngeres Ich und flüstert die tausend Erinnerungen, mit denen ihre Generation genährt wurde: von familiärer Bindung und dem Erlebnis des Krieges bis weit zurück ins 20. Jahrhundert.

Bei Künstlern wie Goran Škofić oder Slobodan Stošić wird mehr das Bemühen um einen Neuanfang spürbar. In einem ironischen Bezug auf die Land Art schlägt Slobodan Stošić in einer Landkarte für den Schuldienst vor, die Adria um das ganze Ex-Jugoslavien zu erweitern. Mit dieser Geschichtsfälschung, wie in Schulstuben weltweit praktiziert, dreht er den territorialen Anspruch seiner Heimat Serbien ins Absurde und behauptet damit die Kunst als Feld von Humor und Freiheit. Goran Škofić dagegen arbeitet in der weissen Leere des Ateliers - in Nairs - und manipuliert seine akrobatisch aufge- nommenen Selbstportäts in der Postproduktion: er schwebt im Leerraum zwischen dem Erbe eines ideologisch durchsetzen Alltags und den Tricks individueller Lebensbewältigung.

Gjorge Jovanovic lässt als Mazeodonier den polyphonen Männerchor in Südalbanien zum Kommentar der zeitgenössischen Gesellschaft antreten. Was für westliche Ohren wie Folklore klingt, ist eine Abrechnung mit der postkommunistischen Aera und der Distanz konzeptueller Kunst zu den Problemen des Alltags. Alketa Ramaj und Milena Jovićević wiederum problematisieren die Geschlechter- verhältnisse. In ausufernden Zeichnungen und Animationen entwirft Jovićević eine eigenwillige und aggressiv lustige Version der Geschichte von Adam und Eva. Alketa Ramaj verwickelt In einem stillen Film ein Liebespaar in einen zärtlichen Machtkampf: eine Art Filmgedicht über den kastrierenden Effekt grosser Intimität.

Zdravko Delibašić' Kohlezeichnungen erarbeiten aus dem Düsteren heraus das Sichtbare. Nur angedeutet schimmern Menschen und Interieurs in den Lichtreflexen des Papierweiss. Sein durch die EU preisgekröntes Plakat ‹Balkans Perception of European Identity› zeigt ein leuchtendes Feld durchs Schlüsselloch, als wären wir ins Schwarz eingesperrt. Leichtfüssiger unterwegs ist Flaka Haliti zwischen Wien, München und Pristina. Ausgangspunkt ihrer Performance für die Kamera im Atelier in Nairs war die Frage, ob sich das unliebsame Thema Sport vielleicht mit künstlerischer Disziplin angehen liesse?

Manche der Werke der acht Gäste aus dem Westbalkan sind von latenter Schwermut und Aggression, viele voller schwarzer Humor. Während einzelne Künstler ihre Herkunft im Werk analytisch verarbeiten, arbeiten andere gerade dezidiert an überpersönlichen Themen - auch wenn wir im Westen im aggressiven Feminismus zum Beispiel eine Reaktion auf ein traditionelles Männerbild vermuten. Die hier durch die Wechselfälle unterschiedlicher künstlerischer Netzwerke in der Schweiz gelangte Auswahl von Künstlerinnen und Künstler hält so individuell vielfältige, je präzise Antworten parat auf die Frage nach dem: ‹Balkan?›

Parallel hat CULTURESCAPES in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnerorganisationen neun Schweizer Kulturschaffenden Residenzen in den Ländern des Westbalkans ermöglicht: Julia Bodamer und Matthias Liechti (Cetinje, Montenegro), Michaela Müller (Zagreb, Kroatien), Almut Rembges (Bitola, Mazedonien), Susanne Schär/Peter Spillmann (Tirana, Albanien), Pascal Schwaighofer (Prishtina, Kosovo), Mats Staub (Belgrad, Serbien), Sébastien Verdon (Banja Luka, Bosnien und Herzegowina).    

Die Residenzen in der Schweiz wurden organisiert in Zusammenarbeit mit der Fundaziun Nairs und dem iaab.

Kuratoren: Nic Bezemer und Annina Zimmermann

Fr 08.11., 19.00 h, Vernissage 
Sa 09.11., 20.00 h, Talks & Drinks (innerhalb des ‹OSLO Wochenendes›)
Mi 27.11., 19.00 h, ‹Fachsimpeln›. Der monatlich von Andrea Domesle moderierte Stammtisch bietet Künstlerinnen und Künstlern der Region eine Plattform für die Diskussionen ihrer Arbeit. Teilnehmende: Almut Rembges, Mats Staub. Feedback: Jurriaan Cooiman.
Sa 30.11., 16.00 h, Talks & Drinks (aus Anlass der Eröffnung der ‹Regionale›)

Eintritt frei

KUNST / AUSSTELLUNG
08.11.13 – 08.12.13
iaab-Projektraum ‹Basement›, Oslostrasse 10, 4023 Basel
www.iaab.ch

Öffnungszeiten:
Mi-Fr 17.00-20.00 h
Sa & So 13.00-20.00h


BETEILIGTE KÜNSTLER
Mats Staub
Adela Jušić
Zdravko Delibašić
Flaka Haliti
Gjorge Jovanovik
Milena Jovićević
Alketa Ramaj
Goran Škofić
Slobodan Stošić
Annina Zimmermann
Nic Bezemer
Almut Rembges,