November 20, 2023

Die Zukunft wird uns Recht geben

Hindou Oumarou Ibrahim über Klimaaktivismus in der Sahelzone

Die kenianische Umweltschützerin Wangari Maathai erhielt 2004 den Friedensnobelpreis für ihr Engagement im Kampf gegen die Abholzung der Wälder. Sie war die erste Umweltschützerin überhaupt, die mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Im Januar 2020 wurde Vanessa Nakate, eine ugandische Klimaaktivistin, aus einem Foto herausgeschnitten, auf dem sie mit vier anderen, weissen Aktivist:innen, auf einem Gipfel in Davos war. Die Klimaschutzbewegung schien nach bestimmten Darstellungen hauptsächlich eine Angelegenheit des wohlhabenden Westens zu sein. Diese Sichtweise wird zweifellos durch die vielen Umweltaktivist:innen aus Afrika in Frage gestellt, die sich für die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft einsetzen. Hindou Oumarou Ibrahim aus dem Tschad ist eine von ihnen.

Hindou bezeichnet sich selbst als Mbororo-Frau und gehört dem indigenen nomadischen Mbororo-Volk angehört, das zu den Fulani gehört. Ihr Umweltaktivismus konzentriert sich auf die Verbindung zwischen dem Wissen und den Praktiken indigener Völker sowie auf die Stärkung der Rolle der Frau. Sie gründete die Vereinigung der Peul-Frauen und autochthonen Völker des Tschad (AFPAT), die regelmässig an internationalen Klima- und Biodiversitätsverhandlungen teilnimmt. Hindou fühlt sich indigenen Völkern aus der ganzen Welt sehr verbunden und war Co-Direktion des Weltpavillons für indigene Völker auf drei COP-Klimakonferenzen, einschliesslich der COP21 in Paris.

Dieses Gespräch zwischen Yarri Kamara und Hindou Oumarou Ibrahim gewährt uns einen Einblick in die Sichtweisen, Inspirationen und Herausforderungen des Klimaaktivismus in der Sahelzone.

Yarri Kamara:

Sie sind eine der weltweiten Galionsfiguren im Kampf gegen den Klimawandel und die Umweltzerstörung. Vielen Dank für die Arbeit, die Sie leisten. Warum glauben Sie, dass heute so viele junge Frauen an der Spitze dieses Kampfes stehen, junge Frauen wie Sie, Greta Thunberg, Vanessa Nakate und Alexandria Villaseñor?

Hindou Oumarou Ibrahim:

Der Klimawandel betrifft alle: egal ob jung oder alt, ob in einem entwickelten – oder in einem Entwicklungsland, egal ob weiss, schwarz oder irgendeine Farbe des Regenbogens  –  der Klimawandel macht keinen Unterschied. Ich stehe an vorderster Front im Kampf gegen den Klimawandel, weil ich als Aktivistin geboren wurde. Und weil ich aus einer Gemeinschaft stamme, die von der Natur lebt und von ihr abhängig ist. Heute erleben wir die unmittelbaren Auswirkungen des Klimawandels in unserem täglichen Leben – durch extreme Wetterereignisse von Dürren bis zu Überschwemmungen, die nicht nur unsere Lebensmittelsicherheit beeinträchtigen sondern auch zu Konflikten zwischen einst harmonisch lebenden Gemeinschaften führen, die nun zu Feinden werden.

Ich bin mit vielen Herausforderungen aufgewachsen, und ich sehe, wie mein Volk mit noch grösseren Herausforderungen konfrontiert ist. Ich habe keine andere Wahl, als aufzustehen und gegen den Klimawandel zu kämpfen. Wenn man die Aktivist*innen der neuen Generation betrachtet, Greta Thunberg, Vanessa Nakate, Elizabeth Wathuti oder Emily Hunter -  von denen ich viele kenne -, ist es schön zu sehen, dass es Frauen sind, die sich für Klimagerechtigkeit einsetzen. Sie erheben sich, weil diejenigen im Globalen Süden erkennen, wie direkt ihre Gesellschaften betroffen sind, während gleichzeitig Menschen in entwickelten Ländern erkennen, dass ihre Regierungen und Unternehmen nicht im Interesse der Rechte des Planeten oder der Menschen handeln.

Ich freue mich zu sehen, dass diese Damen, diese Frauen, aufstehen und sich dafür einsetzen, dass alle zur Verantwortung gezogen werden und ihren Verpflichtungen gegenüber unserem Planeten und den Menschen nachkommen.

YK:

Wir freuen uns ebenfalls. Sie haben die Association of Indigenous Women and Peoples of Chad (AFPAT) gegründet, und mit dieser Organisation das Wissen der indigenen Völker über lokale Landschaften, die Verfügbarkeit von Quellen, Nahrungsquellen und heiligen Orten nutzbar gemacht. Dieses Wissen wurde mit einer 3D-Kartierungstechnologie kombiniert, um der Regierung zu ermöglichen, Ressourcen besser zu verwalten und Konflikte zu vermeiden. Warum vernachlässigen Ihrer Meinung nach die Menschen im modernen Entwicklungsprozess Afrikas so oft den Blick in die Vergangenheit, um Antworten zu finden? Und wie denken Sie, lässt sich dies insbesondere im Hinblick auf die Suche nach einem Gleichgewicht mit der Natur ändern?

HOI:

Wenn wir über die Umwelt sprechen, neigen wir dazu, weit weg von dem zu schauen, was uns umgibt. Und das finde ich bedauerlich. In Afrika und überall sonst gibt es viele Lösungen für unsere Umwelt, die von unseren Grossmüttern und Grossvätern genutzt wurden. Sie haben dieses Wissen über Generationen weitergegeben. Wir müssen diese Chance nutzen. Die Industrieländer konzentrieren sich mehr auf Technologie und Wissenschaft, aber schauen Sie sich an, wo wir jetzt stehen. Wir befinden uns auf dem Weg in eine Klimahölle, in der die Treibhausgase zunehmen, weil sie mit schlechter Technologie aus der Natur gewonnen werden – aus der Natur, die uns früher geschützt hat.

Für mich sind die besten Lösungen diejenigen, die es uns ermöglichen, im Einklang mit der Natur zu leben, wo wir der Natur etwas zurückgeben können. Warum sollten wir ausserhalb nach Lösungen suchen, wenn die richtigen Lösungen bereits hiervor Ort vorhanden sind? Wir müssen sie nur erkennen, wertschätzen und für das Gute nutzen. Natürlich spielen Wissenschaft und Technologie eine Rolle, aber lassen Sie uns einen Weg finden, diese Werkzeuge so einzusetzen, dass sie der Natur nicht schaden, sondern dazu beitragen, ihr etwas zurückzugeben. Aus dieser Überlegung heraus entstand die Idee, eine partizipative 2D- oder 3D-Kartierung durchzuführen.

Ein entscheidender Aspekt der Kartierung ist, dass die Gemeinschaft nicht lesen und schreiben können muss, bevor sie diese Technologie oder die Wissenschaft verwendet. Sie weiss bereits, wie sie ihre eigene Umwelt lesen kann. Die Menschen wissen, wie sie Pflanzen, Vögel, Wolken und das Verhalten ihrer eigenen Tiere lesen können, wann sie pflanzen und wann sie ernten können, ohne in einen Kalender schauen zu müssen, einfach durch die Beobachtung der Natur um sich herum. Warum sollte man dieses unglaubliche Wissen von Menschen, die nie zur Schule gegangen sind, nicht nutzen und es mit der Wissenschaft kombinieren, um eine bessere Widerstandsfähigkeit aufzubauen? Satellitenbilder können verwenden werden, um partizipative 2D-Karten zu erstellen, oder geografische Informationslinien können für 3D-Karten benutzt werden. Dann kommen die Gemeinschaften zusammen, um die besten Informationen überhaupt zu liefern, die selbst die besten Satelliten der Welt nicht wahrnehmen können. Sie bringen all dieses Wissen zusammen, eine Kombination aus dem Wissen der Frauen, dem Wissen der Männer, dem gemeinsamen Wissen der Ältesten, das an die nächsten Generationen weitergegeben werden kann. So können sie herausfinden, wie die verbleibenden natürlichen Ressourcen besser aufgeteilt, wie Wasserquellen und fruchtbares Land besser geschützt und wie Konflikte zwischen Gemeinschaften, die um den Zugang zu diesen Ressourcen streiten, entschärft werden können. Es handelt sich um ein Instrument, das von allen genutzt werden kann, unabhängig davon, ob man dieselbe Sprache spricht oder nicht. Es ist auch ein Instrument, das auf jede Landschaft übertragbar ist, in der die Menschen die natürlichen Ressourcen besser verwalten wollen.

YK:

Sie erwähnen ausdrücklich, dass es eine Kombination aus dem Wissen der Frauen und dem der Männer gibt. Was haben wir dadurch verloren, dass wir Frauen in der Vergangenheit aus dem Umweltmanagement ausgegrenzt haben, und was können wir gewinnen, wenn wir ihnen eine grössere Stimme und mehr Einfluss geben?

HOI:

Ich bin der Meinung, dass Frauen die Expertinnen in Umweltfragen sind. Sie kennen sich mit den Details aus, mit dem Wissen, das wir zu vernachlässigen pflegen. Wenn ich eine partizipative Kartierung durchführe, bin ich erstaunt darüber, wie präzise uns die Männer die groben Orientierungspunkte geben können. Sie wissen, wo die Flüsse, wo die heiligen Wälder und die Berge sind. Aber wenn man die Frauen befragt, werden sie einem genau sagen, wo sie in Dürrezeiten Nahrung und Wasser sammeln, wo sie ihre Kinder bei einer Überschwemmung unterbringen, und sie wissen, welche Heilpflanze eine bestimmte Krankheit heilen kann. Sie verfügen über detailliertes Wissen. Stellen Sie sich vor, Sie würden nur die grossen Zusammenhänge verstehen, aber nicht das Detailwissen. Dann würden Sie mehr als die Hälfte des Wissens verlieren.

Frauen sind auch diejenigen, die das Wissen an die nächsten Generationen weitergeben, indem sie mit ihren eigenen Kindern sprechen. So habe ich es von meiner Grossmutter gelernt. "Kennst du diese Pflanze?", fragte sie. "Nein, kenne ich nicht", antwortete ich. "Sie sieht vielleicht genauso aus wie diese andere, aber der Unterschied ist ABCD, und man kann sie für dies und das verwenden." Es ist nur ein Gespräch, aber gleichzeitig lernst du auch Wissen, das dir für dein ganzes Leben hilfreich sein kann. Auf diese Weise sind Frauen die Expertinnen des Lehrens. Sie verfügen über dieses Wissen, aber wir geben ihnen nicht die Möglichkeit, in ihren eigenen Gemeinschaften oder sogar ausserhalb Entscheidungen zu treffen, weil wir in einer von Männern geführten Gesellschaft leben, die den Frauen nicht die Möglichkeit gibt, ihr Wissen zum Ausdruck zu bringen und es wertvoll zu machen.

YK:

Sie haben zuvor erwähnt, dass Sie von Natur aus eine Aktivistin sind. Aktivismus kann mitunter sehr einsam sein. Einige afrikanische Klimaaktivist:innen, wie Vanessa Nakate, haben darauf hingewiesen, wie isoliert sie sich manchmal fühlen. Auf einem Kontinent, auf dem viele Menschen darauf fokussiert sind, aufzuholen – Afrikaner:innen, die versuchen, mit den westlichen Modellen von Industrialisierung und Lebensstil Schritt zu halten –, wie gehen Sie mit denen um, die sagen, dass es dringendere Prioritäten gibt als den Kampf gegen den Klimawandel, oder die behaupten, dass der Klimawandel ein Problem ist, das vom Westen verursacht wurde und daher ein Problem ist, das der Westen lösen sollte?

 

HOI:

Ich verstehe diese Argumente, das tue ich wirklich. Ich weiss, woher sie kommen. In meiner eigenen Gesellschaft möchten viele junge Menschen nicht als indigen identifiziert werden, weil wir marginalisiert und diskriminiert werden, weil man uns nicht respektiert und nicht beachtet. Ich kann das also wirklich verstehen. Meine Antwort darauf ist: Ich bin eine indigene Frau, ich stamme aus diesen Gemeinschaften, und wir haben das beste Wissen überhaupt, das die westliche Welt nicht haben kann. Und ich versuche, das jeden einzelnen Tag zu beweisen, zum Beispiel indem ich meteorologische Informationen teile. Ich sage, in der modernen Welt habt ihr eure Anwendungen, die euch eine Wettervorhersage geben, aber wir haben unsere Grossmütter und Grossväter, die die besten Anwendungen sind und uns unsere Wettervorhersage vermitteln. Wir müssen stolz auf unsere Ursprünge sein, darauf, woher wir kommen, und schätzen, was wir haben.

Ich verstehe, warum viele Afrikaner:innen die westliche Kultur nachahmen wollen. Im Fernsehen wird einem das beste Leben gezeigt, und man möchte eine grosse Villa mit Stromanschluss, ein grosses Auto, Hunderte von Fernsehern, Handys, iPads, was auch immer. Diese Dinge bedeuten, dass man auch ein moderner Mensch ist. Es ist diese Werbung aus der entwickelten Welt - die auf der Zerstörung von allem auf dem Planeten basiert, auf einem Konsum, der den Planeten nicht respektiert - die einige Afrikaner:innen glauben lässt, dass wir uns auch so verhalten müssen. Sogar ich habe manchmal das Gefühl, dass ich das tun muss, sonst respektieren mich die Leute nicht. Aber nein! Müssen wir denn alle gleich aussehen, um unseren Planeten zu schützen? Die Menschen des Westens, die wir als Experten:innen, als entwickelt ansehen, sind diejenigen, die uns auf den Weg des Klimawandels gebracht haben. Und sie sind es, die jetzt mehr über unser indigenes Wissen erfahren wollen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, und ich spreche insbesondere zu all unseren afrikanischen Mitbürger:innen. In Europa oder in den USA gibt es einen speziellen Markt, den Bio-Markt. Was ist ein Bio-Markt? Sie wollen zu unseren Produktionsweisen zurückkehren, die die Natur respektieren, weil sie am gesündesten sind. Wenn man in diesen entwickelten Ländern lebt und nicht reich ist, kann man nicht zu jeder Mahlzeit Bio-Lebensmittel essen. Aber wir haben so viel Glück, dass selbst die Ärmsten in den tiefsten Dörfern Afrikas noch Bio-Lebensmittel bekommen - sie sind diejenigen, die 100 Prozent Bio essen können. Die Art von Leben, die wir haben, ist also die wertvollste. Es ist die Zukunft. Es ist nicht die Vergangenheit. Das moderne Leben, das man uns aufzwingen will, das ist Vergangenheit. Denn dieses Leben zerstört unser Land.

Ich verstehe auch, dass sich meine Schwestern manchmal einsam und ausgeschlossen fühlen. Ich empfinde das gelegentlich genauso, weil wir nicht dieselben Ansichten und Visionen teilen wie andere. Die Menschen denken, dass wir sie nur hinunterziehen, aber sie werden eines Tages verstehen, dass wir sie nach oben ziehen. Schauen Sie sich nur das Beispiel unserer Mutter Wangari Maathai an. Als sie begann Bäume zu pflanzen, nannten sie alle eine verrückte kenianische Frau. Keine Regierung, niemand respektierte, was sie tat. Doch Jahre später wurden ihr Recht gegeben, und sie erhielt den Nobelpreis. Obwohl sie inzwischen verstorben ist, wird sie im Westen als Vorbild betrachtet. Sie war also eine Visionärin. Ich sage Ihnen, meine Schwester, dasselbe gilt für die Arbeit, die wir leisten. Die Zukunft wird zeigen, wofür wir uns einsetzen, sowohl in den Industrieländern als auch in den Entwicklungsländern.

YK:

Sie haben den Weltpavillon für indigene Völker bei mehreren COP-Klimakonferenzen mitorganisiert. Welche Gemeinsamkeiten stellen Sie in den Visionen, Erfahrungen und Aussichten der indigenen Völker auf der ganzen Welt fest?

HOI:

Indigene Völker leben in sieben soziokulturellen Regionen, wir leben in sämtlichen Ökosystemen, von der Wüste bis zur Savanne, vom Gebirge bis zu den tropischen Regenwäldern. Wir leben auf Gletschern, wir leben auf Inseln. Obwohl indigene Völker nur fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, schützen wir 80 Prozent der biologischen Vielfalt der Welt. Was wir alle gemeinsam haben, ist der Glaube daran, dass Mutter Erde lebt und dass wir die Pflicht haben, sie als Hüterin der Ökosysteme zu schützen. Es spielt keine Rolle, dass meine Saami oder Inuit-Brüder und -Schwestern in Eisländern leben, es spielt keine Rolle, dass meine Baka- oder Batwa-Kolleg*innen in den Tropenwäldern des Kongobeckens leben, es spielt keine Rolle, dass die Guarani, meine anderen Verwandten, im Amazonas leben, oder dass ich selbst zwischen Savanne und Wald, in der Wüste, lebe. Wir sprechen dieselbe Sprache: den Schutz von Mutter Erde.

Ein Pavillon für indigene Völker bei den COPs hilft uns, zusammenzukommen und unsere Lösungen zu präsentieren, um der Welt zu sagen, dass nicht wir das Problem sind. Wir sind zwar die Hauptbetroffenen, aber wir sind nicht das Problem, sondern die Lösung. Und unsere Lösungen sind alle miteinander verbunden. Man kann nicht über den Schutz der Tropenwälder nachdenken, ohne an den Schutz der Ozeane, der Gletscher und der Savannen zu denken, denn unsere Ökosysteme sind miteinander verknüpft. Auch wir als Menschen sind miteinander verbunden. Wir versuchen, der Welt zu sagen, dass es keine Grenzen gibt. Unsere gemeinsame Sprache ist der Schutz von Mutter Erde.

YK:

Lassen Sie uns speziell über Tschad sprechen, eines der Länder der Welt, in dem sich die vielleicht dramatischsten Auswirkungen des Menschen auf die Natur manifestieren. Insbesondere am Tschadsee, der in nur zwei Generationen aufgrund des Klimawandels und des Wasserbedarfs für die Bewässerung auf zehn Prozent seiner ursprünglichen Grösse geschrumpft ist. Da wir uns vielen ökologischen Kipppunkten nähern und die Gefahr besteht, dass sich die Zerstörung der Natur beschleunigt, könnte sich dieser aussergewöhnliche Verlust, den die Menschen im Tschad erlebt haben, weltweit ausbreiten. Dennoch bleibt diese Art von Risiko für viele Menschen sehr abstrakt. Können Sie uns sagen, wie es sich anfühlt, Zeugin eines solchen katastrophalen Wandels zu sein?

HOI:

Tschad zeigt das unmittelbare Gesicht der Auswirkungen des Klimawandels. Als meine Mutter in den 1960er Jahren geboren wurde, erstreckte sich der See noch über 25.000 km2. Jahrzehnte später, als ich geboren wurde, war der See auf 10.000 km2 geschrumpft, und jetzt sind es noch etwa 1.200 km2 - manchmal auch mehr, je nach Regenzeit. 90 Prozent des Wassers sind einfach verdunstet. Wenn man dort lebt, kann man sehen, wie jedes Jahr neue Inseln entstehen.

Die Regenperioden werden immer heftiger und führen zu Überschwemmungen, wie in diesem Jahr: Tausende von Menschen sind immer noch obdachlos aufgrund der diesjährigen Regenzeit. Gleichzeitig kämpfen wir auch mit Dürre, wodurch Rinder und sogar Kamele sterben, weil es nicht genug Wasser gibt. Dies alles führt zu einer unsicheren Ernährungslage. In der Region haben wir mit einer schweren Nahrungsmittelkrise zu kämpfen, die sich jeden Tag verschärft, da der reguläre Regen ausbleibt.

Dies wirkt sich in zweierlei Hinsicht auf unsere Umwelt aus. Erstens gehen Pflanzen und Vögel verloren. Ganze Arten verschwinden, manchmal für immer. Ich erinnere mich an bestimmte Grasarten, die nicht mehr existieren. Die Gelegenheit, sie zu sehen, wird meinen Kindern verwehrt bleiben. Das ist sehr, sehr traurig. Zweitens breitet sich die Wüste jedes Jahr um vier Kilometer aus. Das ist kein Scherz. Vier Kilometer sind eine Menge. Wenn man das für die nächsten zehn Jahre hochrechnet, könnten ganze Dörfer und Städte aufgrund der voranschreitenden Wüstenbildung verschwinden.

Und dann sind da noch die sozialen Auswirkungen des Klimawandels. Konflikte zwischen Gemeinschaften um den Zugang zu Ressourcen können entstehen, und die Binnenmigration von Gemeinschaften vom trockenen Norden in den bewaldeten Süden führt zu weiteren Spannungen. Die Rolle von Männern und Frauen in der Gesellschaft verändern sich erheblich, was neue Probleme schafft. So gehen wir von einem Problem zum nächsten, von einer Krise in die andere, jeden einzelnen Tag. Was wir dringend brauchen, sind weltweite Massnahmen, um gegen den Klimawandel zu kämpfen und die globale Erwärmung zu stoppen. Das Ziel des Pariser Abkommens ist für uns gescheitert, da wir bereits eine Erwärmung von 1,5 Grad erreicht haben. Wenn sie noch höher wird, werden wir es nicht schaffen.

YK:

Sie haben in der Vergangenheit das Sprichwort zitiert: "Wenn du allein gehst, gehst du schneller; aber wenn wir gemeinsam gehen, gehen wir länger und weiter." Sind Sie optimistisch, was unsere Fähigkeit angeht, gemeinsam voranzugehen?

HOI:

Natürlich bin ich optimistisch, sonst könnte ich nicht hier sein. Wenn ich sehe, wie die Frauen und Männer in meiner Gemeinschaft aufstehen, um den Klimawandel zu bekämpfen, ohne darauf zu warten, dass jemand kommt, dann muss ich optimistisch sein.

 

Als Klimaaktivist:innen weltweit gehen wir alle gemeinsam. Jetzt müssen wir nicht nur gemeinsam gehen, sondern auch schneller. Diese Kombination ist entscheidend. Die Industrieländer hingegen gehen weder schnell noch gemeinsam, sie gehen allein. Und das ist überhaupt kein gutes Zeichen. Schauen Sie sich nur die Beispiele nach COVID an. Alle Industrieländer standen vor einer Energiekrise und sagten: "Der Winter kommt." Dabei vergassen sie den Klimawandel. Sie wollten alle zurück zu fossilen Brennstoffen, weil sie an die nächsten Wahlen dachten und bestrebt waren, an der Macht zu bleiben. Dieses Verhalten muss sich ändern.

Vielleicht sind wir [in den armen Ländern] jetzt am stärksten betroffen. Aber glauben Sie mir, wir sind widerstandsfähig, denn wir entwickeln unsere eigene Form der Anpassung. Morgen werden Sie es sein, denn der Klimawandel kennt keine Grenzen. Also handeln Sie. Lassen Sie uns alle gemeinsam und sehr schnell handeln. Gemeinsam können wir uns auf den Weg machen, um Lösungen zu finden.

YK:

Auf der COP 27, die in Ägypten stattfand, wurde endlich eine historische Einigung über Verluste und Schäden erzielt, für die Sie sich eingesetzt hatten. Jedoch wurde kurz darauf angekündigt, dass die nächste COP von einem anderen bedeutenden Produzenten fossiler Brennstoffe ausgerichtet wird. Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?

HOI:

Das ist die Politik, und sie ist wirklich ermüdend. Erinnern Sie sich an die COPs in Osteuropa? Polen hat bisher alle COPs in der Region ausgerichtet. Bei der letzten COP in Polen fand zeitgleich ein Ölforum statt. Das war ihnen völlig egal Es ging offenbar nur darum, ein Kästchen abzuhaken - wir haben die Klimakonferenz organisiert. Das muss sich ändern. Wir brauchen eine Reform der UN-Verhandlungen zum Klimawandel.

Für die nächste COP, die COP 28, die möglicherweise sogar von einem Vorsitzenden eines Ölkonzerns geleitet wird, wäre es grossartig, wenn die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) einen Schritt nach vorn machen und uns zeigen würden, dass sie bereit sind, aus den fossilen Brennstoffen auszusteigen, weil sie die Klimakonferenz ausrichten. Was wollen die VAE wirklich? Sie haben allen Reichtum, den man haben kann. Sie haben die höchsten Türme, die tiefsten Swimmingpools und sie investieren nur in Dinge, die so nutzlos sind, dass sich niemand dafür interessiert. Es ist an der Zeit, dass sie aufhören, das Land umzugraben und die fossilen Brennstoffe herauszuholen. Es ist an der Zeit, dass sie ihre Wirtschaft auf erneuerbare Energien umstellen, dass sie ihr Geld in Anpassung und Widerstandsfähigkeit investieren, für all den Schaden, den sie in den Entwicklungsländern angerichtet haben.

Ich hoffe, dass Cop 28 ein klares Signal für die Abkehr von fossilen Brennstoffen sein wird. Wenn das nicht geschieht, werden wir dem System nicht mehr trauen. Das System muss sich ändern. Für Menschen wie mich ist es sehr frustrierend zu sehen, wie die führenden Politiker:innen der Welt nicht handeln, wie sie etwas sagen und dann das Gegenteil tun.

YK:

Lassen Sie uns ein wenig das Thema wechseln. Meine Mutter ist Ankole aus Uganda, vielleicht haben Sie schon von unseren berühmten Ankole-Rindern mit ihren schönen Hörnern gehört? Wie ich sehe, haben Sie selbst ein Bild von Rindern hinter sich, da Sie ursprünglich vom Volk der Mbororo, einer Fulani-Ethnie, abstammen. Haben Kühe Ihnen wertvolle Lektionen beigebracht, die Sie in Ihrer Herangehensweise an die Welt und in Bezug auf die Herausforderungen, denen Sie gegenüberstehen, anwenden?

HOI:

Es freut mich sehr zu hören, dass Sie auch von Rinderhirten abstammen, denn Rinder sind alles für uns. Unser Name Mbororo kommt von unseren Rindern - rote Rinder mit grossen Hörnern, die Mbororoji genannt werden. Sogar in den Schulen lernen sie im Geschichtsunterricht etwas über die Zebu-Mbororo.

Wir stehen unseren Rindern sehr nahe. Sie geben uns Informationen darüber, wohin wir ziehen müssen. Als Nomaden folgt man seinen Rindern, nicht umgekehrt. Du lernst eine Menge von ihnen. Unsere Rinder sind auch unsere meteorologische Informationsquelle. Wenn die Regenzeit naht, liegen alle Rinder mit dem Gesicht nach Süden. Du kannst sie schlagen, du kannst tun, was du willst, sie liegen alle mit dem Gesicht nach Süden. Und dann schnuppern sie mit ihren Nasen die Luft. Auch wenn du keine einzige Wolke gesehen hast, keinen Regen, du weisst, dass die Regenzeit kommt, mach dich bereit.

Unser Vieh ist unsere Wirtschaft. Sie sind unsere Nahrung. Sie sind unsere Lehrer. Sie sind eigentlich unsere Geschwister. Wenn Sie in die Gemeinschaft kommen, müssen Sie bei der Begrüssung fragen, wie es den Rindern geht. Wenn Sie nicht nach dem Vieh fragen, bedeutet das, dass Sie sich wirklich nicht für mich interessieren. Wenn Sie also zeigen wollen, dass Sie sich um mich kümmern, müssen Sie fragen, wie es mir geht und wie es meinem Vieh geht. Und dann können wir das Gespräch von dort aus beginnen.

 

Yarri Kamara ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Mitglied des künstlerischen Beirats von Culturescapes 2023 Sahara.

Fotos: Salma Khalil, mit freundlicher Genehmigung von Terre Indigène.

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